Saturday, January 19, 2013

Vorankündigung: The Real Eighties


THE REAL EIGHTIES: AMERIKANISCHES KINO, 1980-89. Eine Filmreihe im Österreichischen Filmmuseum.
Eine geläufige Verfallsgeschichte besagt: Alles Übel entspringt den Achtzigern. Sie sind das Scharnier zwischen New Hollywood, dem last hurrah der amerikanischen Filmkunst, und der High-Concept-Wüste der Gegenwart; ein Jahrzehnt des Übergangs, in dem das amerikanische Kino sich im Einklang mit Präsident Reagans neoliberaler Agenda neu ordnete. Die Filmreihe The Real Eighties hinterfragt diese Erzählung und ergreift Partei auch und gerade für den Hollywood-Mainstream, wo in unmittelbarer Nähe zu den Traumfabriken eines Steven Spielberg oder George Lucas filmische Realismen ihrer Wiederentdeckung harren, die quer zu den politischen wie ästhetischen Zumutungen der Ära stehen.
The Real Eighties schlägt Schneisen ins Kinojahrzehnt: Die Reihe interessiert sich für die kleinen Karrieren vergessener Meisterregisseure (James B. Harris, Amy Heckerling, Bill Forsyth) ebenso wie für vermeintliche Nebenwerke anerkannter Größen (Someone to Watch Over Me von Ridley Scott, 1987; Thief von Michael Mann, 1981; The King of Comedy von Martin Scorsese, 1983). Sie zeichnet die Laufbahnen einiger prägender Schauspieler nach (Mickey Rourke, Debra Winger, Jeff Bridges) und trägt gegenläufige, verpasste oder gar verlorene Momente in den kanonischen Lauf der Filmgeschichte ein: Was wäre der heutige Blockbuster, wenn nicht Star Wars und E.T., sondern John Carpenters melancholisches Sci-Fi-Roadmovie Starman (1984) oder Frank LaLoggias aufgeklärter Kinderhorrorfilm Lady in White (1988) als seine Blaupausen gedient hätten?
In der ersten Hälfte des Jahrzehnts entstanden zahlreiche Filme über die Lebenswelt der weißen Unterschicht, die noch nicht in den Klischees des white trash gefangen waren. Weder Problemfilme noch Milieustudien, entwerfen sie eine poetisch vermittelte Innenansicht des abgehängten Subproletariats. The Real Eighties präsentiert aus diesem Zusammenhang das Frauenwrestling-Epos …All the Marbles (1981) von Robert Aldrich und das Country-Melodram Tender Mercies (1983) von Bruce Beresford. Ein verwandter Zyklus von Schaustellerfilmen präpariert Momente der Entwurzelung und existenziellen Isolation inmitten etablierter Genreformeln: Bronco Billy (1980) von Clint Eastwood und Knightriders (1981) von George A. Romero besingen – vielleicht zum letzten Mal – ein Amerika unter offenem Himmel.
Hollywood in den Achtzigern gilt als ein Kino der gefälligen Oberflächen und Wahrnehmungsintensitäten. The Real Eighties begegnet diesem Vorurteil mit einer Reihe abgründiger Noirs, die von einer grundlegenden Bilderskepsis zeugen, sich bisweilen aber auch verführen lassen von ihrer eigenen Schönheit – darunter Brian De Palmas Blow Out (1981), James Bridges’ vergessenes Meisterwerk Mike’s Murder(1984) und Paul Schraders American Gigolo (1980), ein Thriller-Traktat über die Warenförmigkeit des (männlichen) Körpers.
Auch das Genrekino im engeren Sinn erfährt in den Achtzigern eine Renaissance. The Real Eighties macht in Horror-, Science-Fiction- und Polizeifilmen eine widerständige Materialität der verfemten Jahrzehnts sichtbar, und vollzieht insbesondere die Evolution der Komödie nach – von den ungehobelten, anarchischen Lustspielen der frühen Achtziger (Airplane! von Zucker, Abrahams & Zucker, 1980; Fast Times at Ridgemont High von Amy Heckerling, 1982) über das solitäre Werk von Albert Brooks, des anderen großen „Stadtneurotikers“ (Modern Romance, 1981), bis zu den jugendkulturellen Sittenporträts aus der Feder von John Hughes, die das Genre in der zweiten Hälfte der Dekade bestimmen sollten (Some Kind of Wonderful von Howard Deutch, 1987).
The Real Eighties ist es um eine kritische Errettung des Kinojahrzehnts zu tun, das – gleichsam aus Kraft seiner eigenen Bilder – unter Beweis stellen soll, welche filmischen Wirklichkeiten es dem viel beschworenen Wirklichkeitsverlust entgegenzusetzen vermag.
Die Retrospektive umfasst rund 45 Spielfilme und wird betreut vom Kurator/inn/enkollektiv The Canine Condition – Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, Fabian Tietke und Cecilia Valenti. Lukas Foerster und Nikolaus Pernecky werden Einführungen zu zahlreichen Vorstellungen geben. Ein Workshop der Universität Wien (Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft) mit Vorträgen zum Thema ist in Planung.
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Vorläufiges Filmprogramm:
American Gigolo 1980, Paul Schrader
Airplane 1980, Jerry Zucker, David Zucker, Jim Abrahams
Bronco Billy 1980, Clint Eastwood
Gloria 1980, John Cassavetes
Out of the Blue 1980, Dennis Hopper
…All the Marbles 1981, Robert Aldrich
Blow Out 1981, Brian De Palma
Cutter’s Way 1981, Ivan Passer
Escape From New York 1981, John Carpenter
Knightriders 1981, George A. Romero
Modern Romance 1981, Albert Brooks
Prince of the City 1981, Sidney Lumet
Southern Comfort 1981, Walter Hill
Thief 1981, Michael Mann
White Dog 1982, Sam Fuller
Fast Times at Ridgemont High 1982, Amy Heckerling
Baby It’s You 1983, John Sayles
Breathless 1983, Jim McBride
Christine, 1983, John Carpenter
The King of Comedy 1983, Martin Scorsese
The Outsiders 1983, Francis Ford Coppola
Terms of Endearment 1983, James L. Brooks
Under Fire 1983, Roger Spottiswoode
Tender Mercies 1983, Bruce Beresford
Mike’s Murder 1984, James Bridges
Starman 1984, John Carpenter
Terminator 1984, James Cameron
Repoman 1984, Alex Cox
Day Of The Dead 1985, George A. Romero
To Live and Die in L.A. 1985, William Friedkin
The Year of the Dragon 1985, Michael Cimino
The Big Easy 1986, Jim McBride
Something Wild 1986, Jonathan Demme
At Close Range 1986, James Foley
No Way Out 1987, Roger Donaldson
Robocop 1987, Paul Verhoeven [Dir. Cut]  
Some Kind of Wonderful 1987, Howard Deutch
Housekeeping 1987, Bill Forsyth
Someone to Watch Over Me 1987, Ridley Scott
Colors 1988, Dennis Hopper
Cop 1988, James B. Harris
Midnight Run 1988, Martin Brest
Running on Empty 1988, Sidney Lumet
Lady in White 1988, Frank LaLoggia
Patty Hearst 1988, Paul Schrader
The Fabulous Baker Boys 1989, Steve Kloves
Johnny Handsome 1989, Walter Hill

5 comments:

Revolver-Blog said...

Und wo wird die Reihe zu sehen sein? Im Zeughaus? C

Lukas Foerster said...

oha, nein, das habe ich gar nicht mitkopiert (wird jetzt korrigiert): die reihe findet im österreichischen filmmuseum in wien statt. ausschnitte des programms werden möglicherweise in anderen städten nachgespielt, aber da ist noch nichts in trockenen tüchern.

Revolver-Blog said...

Ach --- schade. Für uns Berliner, meine ich. Da sind viele von mir sehr geschätzte Filme dabei, THIEF zum Beispiel, noch immer mein Mann-Favorit. Aber auch BLOW-OUT, TERMS OF ENDEARMENT, AMERICAN GIGOLO. Christoph

Der Außenseiter said...

Hallo Lukas,

also erst mal viel Erfolg bei eurem Projekt. So etwas ist nicht nur begrüßenswert, sondern auch überaus wichtig, um die Verzerrungen, die sich über bestimmte Dekaden oder ganze Epochen, entwickeln, zu entzerren. Oder zumindest ein Stück Aufklärungsarbeit zu leisten.

Was mich jedoch etwas beim Lesen des Textes verwundert, sind einige der als grundlegend angeführten Thesen über das Verständnis, welches eine Allgemeinheit über diese Dekade hat. Vielleicht liegt es daran, dass ich die 80er selbst miterlebt habe, vielleicht daran, dass ich mich seit jeher mit ihnen auseinandersetze, aber die von Dir postulierten Aussagen über ihren vermeintlichen Beitrag zum Untergang des heutigen Unterhaltungskinos oder angeblich ästhetischer Entgleisungen habe ich so eigentlich immer nur einer bestimmten Gruppe von Personen zugeordnet, die diese Meinung durchaus vehement zu vertreten wissen und ihre Berechtigung haben, da sie zu einem ausgewogen geführten Diskurs beitragen, aber nicht als gängige Meinung mit Konsensfähigkeit betrachtet.

Dass Aufklärungsarbeit bzgl. dieses Jahrzehnts vonnöten ist, denke ich auch. So wie es auch klar ist, dass die 1980er, auch sozio-politisch, das gebärende Jahrzehnt ist, ohne das die 1990er und 2000er nicht denkbar wären (so wie ohne die 1960er die 70er und 80er Jahre nicht denkbar wären). Dass die Rückkehr zur stilisierten Realität, zu den Elementen des Noir, die in den Neon- und Pastellfarben einer "Neuzeit" erscheinen, und durch ihre Zwischenräume des Schillerns vom Soziologischen der 70er zum Intrapersonellen der 80er führen, Beginn eines Untergangs sein sollen, kann ich weder selbst so finden, noch ist mir dies so reichhaltig begegnet.

Vielleicht halte ich mich aber auch nur in der falschen Blase auf. ;)

Lukas Foerster said...

@der außenseiter:

die formulierungen sind natürlich zum teil absichtlich etwas überspitzt, das ist der textsorte (pressemitteilung) geschuldet, der derart konfrontative argumentationen entgegen kommen; schließlich soll deutlich werden, wovon sich unser ansatz abhebt.
es geht uns auch weniger um eine historische perspektive in dem sinne, dass wir uns in die achtziger zurückversetzen wollen: die beiden hauptkuratoren, nikolaus perneczky und ich, sind dafür einige wenige, aber entscheidende jahre zu jung, wir haben unsere filmische sozialisation erst in den neunzigern durchgemacht.

es geht uns tatsächlich um einen blick zurück aus der gegenwart und in der begegnen wir tatsächlich oft positionen wie der aus dem ersten absatz. es ist auch nicht so, dass wir da komplett anderer meinung wären, es geht uns nicht um eine großspurige errettung, sondern eher um eine rückblickende verkomplizierung eines hochambivalenten kinojahrzehnts.

(müsste ich mein lieblingsjahrzehnt des amerikanischen kinos nennen - aber das ist natürlich eine ganz andere debatte - so wären da weder die siebziger, noch die achtziger und schon gar nicht, was danach kam, in der engeren auswahl. es würde eher auf die dreißiger oder pre-new-hollywood-sechziger hinauslaufen, das waren in meiner nach wie vor sehr lückenhaften rekonstruktion die interessantesten, am schwierigsten dingfest zu machenden dekaden)